profaxpreis 2012: Dr. Yahya Bajwa

Yahya Bajwa
Schon im Alter von 14 Jahren hatte der gebürtige Pakistaner Yahya Bajwa das Ziel: „Für den Anfang wollen wir nur eine kleine Schule gründen, danach … eine grössere Schule und noch ein Waisenhaus für die Kinder, die keine Eltern mehr haben.“

Inzwischen hat Dr. phil I Yahya Hassan Bajwa gemeinsam mit Fida Hussain Waraich den gemeinnützigen Verein LivingEducation gegründet und er ist auch dessen Präsident. Die Projekte von LivingEducation setzen in Pakistan dort an, wo Menschen ausgeschlossen oder benachteiligt werden – sei es aus gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder religiösen Gründen oder auf- grund ihres Geschlechts. Der Verein verschafft den Benachteiligten Zugang zu Bildung und damit einen Ausweg aus Armut und Abhängigkeit. Damit hilft er den unterstützen Menschen ihr Leben selber in die Hand zu nehmen.

LivingEducation ist im islamischen Umfeld fast vollständig auf Mädchen und Frauen ausgerichtet, den am meisten Benachteiligten in der pakistanischen Gesellschaft. Es bringt zudem Musliminnen und Christinnen in den Inter- naten zusammen, was in einem Land, in dem religiöse Spannungen sich immer häufiger in Gewalt entladen, ein besonders wertvoller Beitrag zur Verständigung ist.

Unter Anderem hat LivingEducation in Pakistan zwei Mädcheninternate, mehrere Kindergärten, ein Ausbildungsseminar für Kindergärtnerinnen, ein Menschenrechtsbüro mit Anlaufstelle für Frauen, Gesundheitsprojekte und ein Altersheim gegründet. Weitere Infos unter www.livingeducation.org.

Laudatio

Laudatio anlässlich der Übergabe des Profax-Bildungspreises a-Bildungspreises an Dr. Yahya Hassan Bajwa und LivingEducation (Baden, 14. Juni 2012)

Sehr geehrter Herr Generalkonsul, sehr geehrte Frau Stadträtin, lieber Yahya, liebe Freunde von LivingEducation, liebe Stiftungsratsmitglieder, meine Damen und Herren:
Ein Schüler schreibt einen Aufsatz zum Thema „Meine Zukunft“ – wie wohl wir alle das eine oder andere Mal. Dieser Vierzehnjährige aber ist ein bisschen anders. Er hat etwas dunklere Haut als seine Kameraden, eine andere Religion und sein Herkunftsland im Herzen. Er schreibt:
Für den Anfang wollen wir nur eine kleine Schule gründen, danach jedoch sehen wir unseren Plan so: Wir werden nach der kleinen Schule ein Haus dazu bauen, dort werden Frauen arbeiten, so werden sie ihr Geld verdienen, wir bezahlen sie und bringen die Sachen nach Europa, verkaufen sie hier und bauen mit dem Erlös, den wir in Europa für die Sachen bekommen haben eine grössere Schule, noch ein Waisenhaus für die Kinder, die keine Eltern mehr haben.

Dieser Junge war, wie Sie wissen, Yahya Hassan Bajwa. Ausserordentlich war nicht nur sein Text, sondern auch die Tatsache, dass er seine Pläne umgesetzt hat. In Zürich lernte er gut zwanzigJahre später Fida Hussain Waraich kennen und schätzen; Fida und Yahya sind, auch in den Augen ihrer Eltern, zu Brüdern geworden. Als 2001 beide einen Elternteil verloren, begann ein neuer Lebensabschnitt: Auf dem geerbten Land in Pakistan bauten sie gemeinsam ihre erste Pilotschule für Waisenkinder auf. Später folgten zwei Internate, ein Kindergarten und ein Kindergartenseminar, ein Menschenrechtsbüro für Frauen mit Schutzzentrum, ein Altersheim, Gesundheitsprojekte und Computerkurse.

Heute ist Yahya Präsident des von ihm gegründeten Vereins LivingEducation (in einem Wort!) und sorgt sich, unter anderem, um die Ausbildung von Kindern, die Lage von Frauen und den Dialog zwischen den Religionen in Pakistan. Er tut das, wie er alles in seinem Leben zu tun scheint: Er packt an, mit Energie, Einsatz und Engagement.

BILDUNG
Yahya Bajwa kümmert sich zusammen mit Fida Hussain Waraich, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Freiwilligen und Vereinsmitgliedern um zahlreiche Kinder in zwei Schulen und einem Kindergarten. Er sorgt dafür, dass auch Waisenkinder, Kinder aus armen Familien und insbesondere Mädchen Bildung erhalten. Mädchen auf dem Land besuchen kaum je eine Schule. Jungen aus armen Familien werden, wenn überhaupt, häufig in Koranschulen geschickt, wo sie den Koran auswendig lernen. In Pakistan sind heute immer noch 50% der Bevölkerung und 65% der Frauen Analphabeten (1). Das heisst, unter den vierzig Frauen hier im Saal könnten vierzehn lesen, alle anderen nicht!
Dass Bildung, besonders Frauenbildung, ein entscheidender Faktor der Entwicklung ist, ist allgemein bekannt. Wie wichtig Schulen gerade für Mädchen sind, beschreibt auch die Pakistanerin Mukhtar Mai in ihrer Autobiographie „Die Schuld, eine Frau zu sein“. Darin sagt eine Freundin (2):
Ich werde dir jetzt mal ein Beispiel geben. Eine Frau will einen Film sehen, ihr Mann hindert sie daran. Warum? Weil er will, dass sie unwissend bleibt. Dann nämlich ist es für ihn sehr viel leichter, ihr etwas vorzumachen, ihr etwas zu verbieten. Ein Mann sagt zu seiner Frau: Du musst mir gehorchen, und fertig. Und sie erwidert nichts. … Die Frau kann nicht lesen. Die Welt existiert nur über ihren Mann. Wie soll sie sich da zur Wehr setzen? Ich behaupte nicht, alle Männer in Pakistan seien gleich, doch man kann ihnen einfach nicht vertrauen. Zu viele ungebildete Frauen kennen ihre Rechte gar nicht.

FRAUEN
Mukhtar Mai erzählt im Buch ihre eigene Geschichte: Ihr neunjähriger Bruder soll angeblich die Tochter einer Familie aus einer höheren Kaste „lüstern“ betrachtet haben. Um die „Familienehre“ wiederherzustellen, vergewaltigten vier Männer Mukhtar vor den Augen des ganzen Dorfes. Statt sich wegen der Schande das Leben zu nehmen, ging Mukhtar vor Gericht (3).
In Pakistan werden unzählige Frauen entführt, vergewaltigt, verätzt, verstümmelt, getötet. Um eine angebliche Ehrverletzung zu kompensieren, werden kleine Mädchen mit älteren Männern verangebliche Ehrverletzung zu kompensieren, werden kleine Mädchen mit älteren Männern verheiratet (4). Eine Schätzung aus dem Jahr 2007 weist gegen 1000 so genannte Ehrenmorde an Frauen aus (5). Laut der Vertreterin einer pakistanischen Nichtregierungs-Organisation ist die Anzahl der Ehrenmorde, Säureangriffe und anderer Gewaltakte gegen Frauen in den letzten Jahren angestiegen. Häusliche Gewalt sei mittlerweile in jedem dritten Haushalt in Pakistan ein Problem (6).
Frauen, die der Gewalt entfliehen wollten, können sich an ein Menschenrechtsbüro von Living-Education wenden: ein Frauenhaus mit Rechtsberatung. Im Dast-e-Shafqat – wörtlich: „schützende Hand“ – finden sie Unterschlupf und werden psychologisch betreut und beraten. Hier zwei aktuelle Beispiele (7):
30. April 2012: Ein neuer Fall für Dast-e-Shafqat. Eine Frau ist zu uns ins Frauenhaus gekommen. Ihr Mann hat ihr ihren Sohn und die Tochter weggenommen. Daraufhin ging sie zurück zu ihren Eltern. Da diese nun gestorben sind, hat sie ihr Bruder aus dem Haus geworfen. 20. Mai 2012: Seit drei Tagen ist eine neue Frau mit einem Dreijährigen im Frauenhaus von Dast-e-Shafqat. Sie musste einen älteren Mann heiraten, der schon drei Ehefrauen hat. Weil sie nach der Geburt des Sohnes reklamierte, wurde sie bestraft. Sie musste Platz für eine neue Frau machen. Dass LivingEducation Frauen Schutz und Beratung bietet, gefällt natürlich nicht allen. Manchmal lenkt ein Ehemann ein, wenn er merkt, dass hinter seiner Frau jemand steht. In anderen Fällen kämpfen die Männer mit rabiaten Mitteln um ihr vermeintliches Recht. Fida Hussain Waraij wurde zum Beispiel beschuldigt, er habe eine Frau entführt, vergewaltigt und ermordet. Tatsächlich wohnte diese Frau nicht mehr im Frauenhaus, und hatte, als sie es verliess, ihren Austritt mit ihrer Unterschrift bestätigt. Das reichte aber nicht: Fida musste beweisen, dass die Frau noch lebte. Dank guten Verbindungen und viel Glück stellte sich heraus, dass sie bei einer anderen Nichtregierungsorganisation untergekommen war, und Fida kam mit einem blauen Auge davon.

RELIGION
Zwar werden in Pakistan keine Kirchtürme verboten. Die in den letzten dreissig Jahren erfolgte Entwicklung des Landes Richtung Fundamentalismus (8), das immer weiter verschärfte Blasphemie-Gesetz zeigt aber, dass auch in Pakistan ein Dialog zwischen den Konfessionen bitter nötig ist. Anfang 2011 wurden zwei Politiker, die sich gegen das Blasphemie-Gesetz aussprachen, ermordet: der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, und der einzige Minister christlichen Glaubens, Shahbaz Bhatti. Manche liberale islamische Gruppierungen werden von Fundamentalisten nicht anerkannt. Bereits der Alltagsgruss „Salam Aleikum“ eines Angehörigen einer solchen Gruppe kann als Verstoss gegen das Blasphemie-Gesetz geahndet werden! Gegen das so genannte „unzüchtige“ Verhalten von Frauen gibt es eine eigene Verordnung. Schon der Erhalt eines Briefes von einem fremden Mann kann als unzüchtig gelten (9)! Angehörige religiöser Minderheiten werden diskriminiert und verfolgt (10).
Yahya ist in der Schweiz immer wieder an interreligiösen Dialogen beteiligt. In Pakistan ist er dafür besorgt, dass zumindest in den Schulen ein Austausch stattfindet: Ob Sunnitinnen oder Schiiten, ob Angehörige anderer muslimischer Minderheiten oder Christinnen, alle können die Kindergärten und Schulen von LivingEducation besuchen oder im Internat wohnen. Religion spielt eine grosse Rolle, sagt Yahya, aber es spielt überhaupt keine Rolle, welcher Religion die Mädchen angehören.
Lassen Sie mich die Wirkung von LivingEducation mit einem Beispiel aus Bhara Khau, einem Vorort von Islamabad, illustrieren: Die Nachhilfestunden für Kinder und die Näh-und Kosmetik-Kurse für Frauen stehen auch den QuartierbewohnerInnen offen. Die lokale Bevölkerung lernte so das Projekt kennen und schätzen. Als einige Fundamentalisten beschlossen, die Schule und das Frauenhaus zu stürmen, versammelten sich die Männer aus dem Quartier auf dem Hof, um das Projekt zu schützen. Mit Erfolg. Die Fundamentalisten liessen von ihrem Vorhaben ab.
So, wie es der pakistanische Schriftsteller Mohamed Hanif in seinem kürzlich erschienen Romain seinem kürzlich erschienen Roman „Alice Bhattis Himmelfahrt“ schildert, würde es in den Schulen von LivingEducation jedenfalls nie zu und her gehen (11). (Alice Bhatti ist eine Christin; Mohammed Hanif hat sie nach dem ermordeten Minister benannt.)

UMFELD
Yahya Bajwa und LivingEducation setzen sich für Bildung und Gesundheit ein, für das friedliche Zusammenleben der Religionen, für die Förderung der Frauen, für die Betreuung der Alten. Die erwähnten Beispiele zeigen, unter welch widrigen Umständen sie dies tun.

Pakistan steht in einem Spannungsfeld zwischen Autoritarismus und Demokratie, zwischen islamischer Staatsideologie und ethnischer Autonomie, zwischen Feudalismus und Moderne. Im Gegensatz zu anderen Ländern des Südens sei es nicht gelungen, gesellschaftliche Ventile zu schaffen, um die Gegensätze zu entschärfen. So weit der NZZ-Korrespondent Bernhard Imhasly (12). Auf dem Korruptionsindex von Transparency International belegt Pakistan immer wieder einen der letzten Plätze.

Innerhalb dieses Systems geht Yahya Bajwa mutig seinen Weg. Der Ehemann einer Frau, die den Schutz von LivingEducation gesucht hatte, bestach einen Richter mit einer halben Million Rupien, um Yahya hinter Gitter zu bringen. Yahya war gerade unterwegs (in den Norden, wo es noch weniger gemütlich ist als in Islamabad) und lehnte ab, vor Gericht zu erscheinen. Er könne nicht jedes Mal hinreisen, wenn er irgendwo vorgeladen sei, sagte er, und schickte seine Anwältin. Wenn Sie in Pakistan einen Gerichtstermin haben, müssen Sie morgens erscheinen und warten, bis Sie an der Reihe sind. Es kann sein, dass Sie nicht mehr dran kommen und einen neuen Termin erhalten.
Oder dass der Richter nicht erscheint, die Anwälte gerade streiken oder der Anwalt der Gegenpartei eine Verschiebung beantragt. In Yahyas Fall konnte die Anwältin nachweisen, dass der Ehemann seine Frau misshandelt hatte, und die Anklage gegen Yahya wurde fallen gelassen. Die Frau konnte später nach Europa ausreisen.

Für ihren Einsatz für Bildung, Frauen und religiösen Frieden, für ihren Mut und ihr Engagement, für den integrierten Ansatz für eine positive Entwicklung Pakistans erhalten Yahya Hassan Bajwa und LivingEducation heute den profaxpreis der profax Stiftung für herausragende Leistungen im Bildungsbereich. Herzlichen Glückwunsch!

1 Espace Mittelland 22.12.2007; http://www.indexmundi.com/pakistan/literacy.html;
http://www.unicef.org/
2 Mukhtar Mai: Die Schuld, eine Frau zu sein, Knaur 2007, Seite 108–109
3 Mukhtar Mai
4 Mukhtar Mai, Seite 155; Tages-Anzeiger 3.10.2007
5 Tages-Anzeiger 3.10.2007
6 Tages-Anzeiger 30.3.2011
7 Webseite von Dast-e-Shafqat
8 Pervez Hoodbhoy, Tages-Anzeiger 30.3.2011
9 Tages-Anzeiger 3.10.2007
10 F
lorence Savioz: Pakistan – La Situation des minorités religieuses, Bericht des Schweizerischen
Flüchtlingshilfswerks 2007;
Yahya Hassan Bajwa: Pakistan – Menschenrechte und Gefährdungslage, Bericht des Schweizerischen
Flüchtlingshilfswerks 2004
11 Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt, A1-Verlag 2012
12 Bernhard Imhasly: Der fehlende Mut zur Demokratie. In: Eine Welt, März 2003